31.10.2022 | Ein etwas anderes Berlin...


Vor mehr als 60 Jahren, am 16.09.1960, ließ Lufthansa ihre Boeing 707 mit der Kennung D-ABOC auf den Namen „Berlin“ taufen. Seitdem bekommen fast alle Flugzeuge der Airline Namen. Mit wenigen Ausnahmen werden sie nach deutschen Städten benannt – i.d.R. je größer das Flugzeug, desto größer der Ort. So finden sich neben den zu erwartenden Großstädten z.B. auch Lübeck, Erfurt, Jena oder aber Dinkelsbühl, Wermelskirchen und Buxtehude unter den Taufnamen. Maschinen verlassen die Flotte, Flugzeuge werden ausgemustert, der Name bleibt: „Berlin“ hießen neben der ersten Boeing 707 (D-ABOC) noch eine weitere Boeing 707 (D-ABOV), eine McDonald Douglas DC 10 der Lufthansa Cargo (D-ADBO), eine Boeing 747-200 (D-ABYW) und eine Boeing 747-400 (D-ABVA), sowie bis zur Stilllegung Anfang 2021 das damalige Flaggschiff der Flotte, ein Airbus A380 (D-AIMI).


Nach knapp zweijähriger Unterbrechung gibt es endlich wieder eine „Berlin“ bei der Lufthansa, die nunmehr siebte. Die Airline erweitert aktuell ihre Flotte durch ein neues Flugzeugmuster, in einer feierlichen Zeremonie taufte die Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) am 17.10.2022 die erste dieser Maschinen des Typs Boeing 787-900. Nicht mit Champagner, sondern aus gegebenem Anlass mit Berliner Weiße - um genau zu sein, mit roter Weiße. Ich frage mich, ob Bettina Jarasch von den Grünen, hätte sie die letzte Bürgermeister*in-Wahl gewonnen, zur Taufe eine Berliner Weiße mit Waldmeister-Geschmack genommen hätte…





Im Dezember 2022 soll das Flugzeug – die D-ABPA – in den regulären Langstrecken-Verkehr übergehen, bis dahin übernimmt es als Training für Cockpit- und Kabinencrews mehrmals täglich Flüge auf der Strecke zwischen München und Frankfurt. Die 787-Flotte wird kontinuierlich wachsen, insg. sind 32 Maschinen bestellt. Normalerweise ist es schwer, für einen Flug eine spezielle Flugzeug-Kennung auszusuchen, da eine Vielzahl an gleichen Maschinentypen zum Einsatz kommt und es sich nicht vorhersagen lässt, wann genau welche Maschine fliegen wird. In diesem Fall war es aber recht risikofrei möglich, tatsächlich mit dem Objekt der Begierde zu reisen. Ich wollte/konnte/durfte mir diese Chance nicht entgehen lassen.


Herbstferien in Berlin, mit Frau und Kindern bei Oma und Opa in einem Vorort von München – der es übrigens noch nicht auf den Rumpf einer Lufthansa-Maschine geschafft hat. Früh mit der S-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof, zwei Leberkäs-Semmeln als Verpflegung und dann mit dem ICE zum Flughafen Frankfurt. Geplanter Abflug zurück nach München um 14:15h, Flugnummer LH 108.






Die Maschine hat insg. 294 Sitze (26 Business Class Sitze, 21 Premium Economy und 247 Sitze in der Economy Class) und damit deutlich mehr als die eigentlich auf der Strecke eingesetzten Maschinen. Entsprechend war die Kabine recht leer. Ich saß in der Economy Class, dort waren nur knapp 50 Plätze besetzt und ich konnte mich über einen 3er-Block am Fenster nur für mich freuen. Auch wenn die „Berlin“ als werksneues Flugzeug zur Lufthansa stößt, ist sie schon einige Jahre alt - sie sollte ursprünglich an die chinesische Hainan Airline und danach zwischenzeitlich an die indische Vistara ausgeliefert werden, war soweit schon fertig ausgestattet, wurde dann aber nicht übernommen. Vor dem Einsatz für Lufthansa mussten unzählige Schilder in falscher Sprache ausgetauscht und die Sitzbezüge sowie das komplette Farbschema angepasst werden. Das Resultat ist in meinen Augen gelungen. Die Kabine erscheint luftig und freundlich, die Sitze sind bequem. Natürlich hat jeder Platz einen eigenen Bildschirm mit vollem Langstrecken Inflight Entertainment Programm und diversen flightmap-Optionen. Typisch für die 787, dass sich die Fenster per Knopfdruck stufenweise dimmen lassen.






Ich war nicht der Einzige, der die Gelegenheit nutze, Lufthansas neues Langstrecken-Produkt auszuprobieren, ohne einen Transatlantik-Flug oder dergleichen buchen zu müssen. Und so fühlte sich der Flug tatsächlich etwas an als wäre man bei einer Produktpräsentation auf einer Messe. Der Kapitän begrüßte in seiner Ansage als erstes die AvGeeks und erklärte dann den „normalen“ Passagieren, warum sie heute in einer solchen Maschine sitzen würden. Die Kabinen-Crew beantwortete die vielen Fragen zur Maschine gut gelaunt und geduldig, störte sich nicht an den, durch die Kabine laufenden, alles inspizierenden Fluggästen und machte auf Wunsch sogar Fotos. Man merkte ihnen an, dass sie Lust auf diese neue Maschine haben und ihnen ihr Job an diesem Tag Spaß macht. Die Stimmung war angenehm anders als auf üblichen innerdeutschen Flügen.


Von mir aus hätte der Flug länger dauern können, ich genoss die Zeit an Bord. Nach knapp 40 Minuten landete die Maschine allerdings schon in München und diese kleine, etwas außergewöhnliche Berlin-Reise ging zu Ende.


Lufthansa ist übrigens nicht die einzige Airline, die einem ihrer Flugzeuge den Namen „Berlin“ gegeben hat. Als Airline einer der drei Besatzungsmächte, die während der Trennung Deutschlands nach Westberlin fliegen durften, hatte die amerikanische Pan Am eine enge Beziehung zur Stadt und hat nicht nur einen Airbus A310 auf den Namen „Clipper Berlin“ (N801PA) getauft, sondern sogar einzelne Bezirke als Namen verwendeten, so z.B. die Boeing 737-200s „Clipper Kreuzberg“ (N382PA) oder „Clipper Tiergarten“ (N387PA). Die niederländische KLM benennt Ihre Flugzeuge je nach Flugzeugmuster unterschiedlich: Die 737-Flotte zum Beispiel wird nach Vögeln benannt, die Boeing 787-Flotte nach Blumen und die Airbusse A330 nach berühmten Plätzen: Einer davon (PH-AOB) heißt „Potsdamer Platz – Berlin“. Die berühmte historische JU 52 der Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung trägt den Namen des ehemaligen Flughafens im gleichnamigen Bezirk „Berlin Tempelhof“.


Ob Lufthansa neben der Tante JU irgendwann mal ein Flugzeug nach einem Berliner Bezirk benennt, wird die Zeit zeigen, schön, dass es nun zumindest wieder eine „Berlin“ in der Luft ist.

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